Juryblog 2. Vorausscheid 2017 – Henning Lühr

Henning Lühr

Von Henning Lühr:

Das war er dann auch schon wieder, der zweite Vorausscheid.

Am Ende dieses tollen Abends hatten wir als Jury bereits die Möglichkeit, recht ausführlich mit den Bands und Interpreten zu reden. Trotz eventueller Kritik und zwangsläufig auch unterschiedlichen Meinungen habe ich diese Zeit sehr genossen. Auch weil, wenn einmal das passende Wort fehlte, die Jurykollegen einander halfen und wir so hoffentlich hilfreich unsere Meinung kundtun konnten.

Besonders auffällig an diesem Abend war das auch von mir schon hinlänglich (herbei) beschworene Interesse der Bands an- und untereinander. Bereits mit dem ersten Song der Aceholes zum Beispiel gab es ordentlich Bewegung vor der Bühne. Und unter den Tanzenden waren auch Brain Funk- Musiker gut unterwegs, die sich ja gerade stilistisch gut an Igor, Willi und Marko reiben konnten. Das wurde auch nicht anders an diesem Abend, es blieb höflich und ehrlich interessiert. Jederzeit, auch seitens des Publikums. Wer erinnert sich nicht daran, wie Môrre einen anfänglich noch schwatzenden Saal ruhig bekommen hat. Oder die Auszählung der Publikumsstimmen am Ende des Abends bzw. deren Verteilung. Das Ergebnis spiegelte nun auch nicht so wirklich das Verhältnis zu den jeweiligen Gästelistenplätzen und der etatmäßigen Fanbase wieder. Wirklich beeindruckend.

Ja, The Aceholes. Schon allein Willi mit der Watti- Gedächtnisfrisur ließ einen sofort aufmerksam werden. Eher der Grund für die gute Publikumsstimmung von Anfang an war jedoch der an den berühmten drei Akkorden geschulte Sound der Band. Ich kann mich nicht erinnern, wann das letzte Mal bereits beim Opener des Abends so ausgelassen getanzt wurde. Keine Frage, die Aceholes erfinden mit ihren Songs das Rad nicht neu und die Arrangements sind nicht die ausgefallensten, der dynamische Vortrag, ihre Power-Chords, das straighte Schlagzeugspiel und die gut in Songs und Stimme verpackte Wut jedoch haben ungemein Spaß gemacht. Das war im Rahmen der gesteckten Grenzen tadellos. Und der hier und da versprühte Tote-Hosen-Pathos war auch einer von der guten Sorte, einer der nicht peinlich berührt. Selbst zwischenzeitliche technische Schwierigkeiten konnten sie nicht aus der Spur bringen. Souverän gelöst.

Môrre hat vor zwei Jahren einmal als Ziel ausgegeben, die Menschen bewegen können zu wollen. Und was soll ich 2017 sagen? Menschen bewegen kann er. Davon will ich gern Zeugnis ablegen. Vom Herbst wird ja gern von herzlosen Menschen mit üblem Leumund behauptet, er wäre erfunden worden, um traurigen Musikern eine Projektionsfläche für ihr schattiges Gefühlsleben zu bieten. Unsinn! Moritz Schanz reichte dafür auch der Talentverstärker- Frühling. Mit tollem introspektivem, liedorientiertem Sound. Viel Herzblut, gern auch mit Pose, Glanz, Geschmack und Selbstironie („.. sieht nicht mal gut aus und singt normal …“). Reduktion schreibt er dabei recht groß, kein Gramm zu viel. Melancholie zwar,  aber keine pure Nabelschau. Und erfreulicherweise ohne Larmoyanz und süße Triefigkeit. Das hat mir sehr gut gefallen, hör- wie sichtbar auch dem Publikum, das ganz schnell ruhig wurde und dem Vortrag aufmerksam lauschte.

Manchmal fragt man sich, wie einem lokale Musiker letztendlich doch so durch die Lappen gehen können. Elephant’s Foot sind hier beredtes Zeugnis. Das Trio traf Jury und Publikum völlig aus dem kalten. Umso größer war die positive Überraschung. Auch wenn die Koordinaten eindeutig sind, in welchem Teil der Musikhistorie die drei wildern, war ihr Set doch ganz anders als das, was seinerzeit den später doch arg aufgeblasenen Rockzirkus so ätzend gemacht hat. Nicht die verklemmt- metallische Schiene und „trotz“ ordentlicher Psych- Kante keine Selbstbeweihräucherung oder effekthascherische Künstlichkeit. Leidenschaftliche Musik, zwar durchstrukturiert aber stets druckvoll und intensiv. Das kam an, bei Publikum und Jury.

Irgendwie dachte ich, Bolte wären schon eine Konstante im Magdeburger Musikschaffen. Dabei gibt es die Band ja auch erst seit 2014. Vielleicht spielte mir da das Wissen, dass sie bereits im zweiten Jahr ihres Bestehens das Bundesfinale von Local Heroes gerockt haben, einen Streich. Oder aber es liegt am coolen souveränen Auftritt der Band ohne doofe Posen. Ja, cool, aber nicht unterkühlt. Im Gegenteil, die Jungs kamen ungemein sympathisch daher. Nur folgerichtig haben sie dann auch ganz schnell das Publikum für sich eingenommen. Die Arrangements der Band zwischen Laut und Leise sind äußerst vielschichtig, wollen ganz viel und kriegen das in der Regel auch. An diesem Abend zumindest bremsten unserer Meinung nach aber eben diese facettenreichen Songs oder deren Anspruch Sänger Felix etwas aus. Im gemeinsamen Gespräch haben Band und Jury hierzu am gleichen Abend für mein Dafürhalten bereits konstruktiv diskutiert. Bolte, eine tolle Band.

Brain Funk mussten sich im direkten Anschluss an The Aceholes irgendwie an diesen messen lassen. Die hatten die Punk-Rock-Latte doch schon recht hoch gehängt. Guten Gewissens kann ich aber feststellen, dass sie souverän die Spannung und den Punk-Rock-Eintopf ordentlich am kochen hielten. Das hat viel Spaß beim zu schauen und hören gemacht. Im Vergleich zum Talentverstärkers 2015 war das in seiner Gesamtheit eine ganze Klasse besser. Ich hatte auch den Eindruck, dass die Band stilistisch fokussierter geworden ist. Straft mich gegebenenfalls Lügen. Auf der Bühne ging es auch recht dynamisch vonstatten. Hin und wieder hatte ich ob dieser Tatsache aber etwas Angst, dass die Herren aus Versehen Bassistin Katharina über den Haufen rennen könnten. Den Rat, Katharina mehr in die Show einzubauen und ihr unzweifelhafte Präsenz als Bassistin und Bandmitglied zu stärken, hat die Band am späteren Abend wiederholt mit auf den Weg bekommen. Und eben dieser, ihr Weg, ist ein richtiger. Vielen Dank, Brain Funk.

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