Juryblog 1. Vorausscheid 2018 – Henning Lühr

Henning Lühr

Von Henning Lühr:

“Writing about music is like dancing about architecture“. Ob nun Miles Davis, Zappa, Elvis Costello oder sonst irgendwer Urheber des sehr populären Bonmots im Musikjournalismus ist, wird wohl niemand endgültig klären können. An der Schwierigkeit, Musik mit Worten zu beschreiben ändert das jedoch nichts. 

Und recht schwer getan haben wir uns auch innerhalb der Jury am Abend des ersten Vorausscheids. Trotz manch unterschiedlicher Bewertung ganz einfach jedoch war das Einvernehmen, dass wir in der Jury eben keinen ersten, zweiten oder dritten Platz vergeben sondern zumindest halbwegs objektiv einen Interpreten oder eine Band auswählen, die uns unter Berücksichtigung unterschiedlicher Aspekte (hier jeweils durch einzelne Juroren eingebracht) an diesem Abend als Gesamtheit besonders gefallen hat. 

Entgegen der geäußerten Vermutung bin ich mir gar nicht so sicher, ob bei einem anderen Ergebnis des Publikum- Votings taktlos [glücklich] zwingend auch als Jury- Entscheidung durchzuwinken gewesen wäre. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass das Trio nach einem „Warmspielsong“ souverän seine Stärken ausspielte. Über den Talentstatus im klassischen Sinne sind sie m.E. eh hinaus, sowohl zeitlich als auch handwerklich. Es schien, als sei gar keine Zeit vergangen. Wahrscheinlich war das mir daher etwas fehlende Überraschungsmoment ganz subjektiv das Haar in der Suppe. Es hat dennoch enorm Spaß gemacht Ihnen zuzuhören. Für die Entscheidung zwar nicht relevant aber vielleicht doch erwähnenswert; die gewählte Art der Interaktion mit dem Publikum (Fragenkatalog) wäre beim Saal voller Fans sicherlich folgerichtig, so jedoch war das für meinen Geschmack etwas drüber. Der Moderatorin wiederholt ins Wort reden kann man zwar auch machen, muss man aber auch nicht. 

Als PaulV angekündigt, als Richtung Exil aber auf der Bühne standen Paul und Toni. Es war die Sänger und Songschreiber- Bandvariante des erstgenannten, der für diesen Abend leider vorab schon das Schlagzeug verloren ging. Ihm folgte dann auch noch die E- Gitarre und dazu zu allem Elend auch noch anfängliche technische Probleme. Das ist ganz schön viel für vier/fünf Songs. Glücklicherweise warf das alles die beiden nicht so arg aus der Bahn (oder sie ließen es sich nicht so sehr anmerken). Beim Schreiben der Songs ist Paul hörbar viel Herzblut ins Tintenfässchen geflossen. Das war schön anzuhören und nicht zu wenig zu preisen. Gefallen hat mir auch, dass die beiden die im Genre oft so omnipräsente Folky- Nummer nicht so strapaziert haben. Songwriter dürfen ja auch Abwechslung. Vielen Dank euch beiden, Ihr habt dem Abend sehr gut getan. 

Mit Ben, Raik, Hannes und Philipp von Serious Minded hatten wir als Jury zu später Stunde schon die Möglichkeit für ein intensives wie angenehmes Gespräch. Ich habe es als für beide Seiten inspirierend empfunden. Dankbar war ich dabei wieder für die Tatsache, dass jedes Jurymitglied auch ob seiner, wie sagt man so schön, jeweiligen Kernkompetenzen Hinweise bzw. Einschätzungen geben konnte, dies der Band auch gar nicht so egal war ☺ und sich daraus ein tolles Gespräch ergab. Insoweit belasse ich es an dieser Stelle bei der Bemerkung, dass sich die vier Herren mit ihrem Singalong- Deutschrock viele Freunde im Publikum gemacht haben, aber auch innerhalb der Jury.

Die Möglichkeit des Gespräches nutzten auch die Herren von Kaleidoskop, einem ungemein sympathischen Quartett. Es hat Spaß gemacht mit ihnen zu quatschen. Ein toller Dialog, fern ab von einer schnöden Auswertung (vermeintlicher) Checker. Die Rocker hinterließen angesichts einer prima Bühnenpräsenz und ihrem anspruchsvollem Mix aus Hard-, Psych-, Progressive- oder Desert- Rock einen beeindruckenden Gesamteindruck. Stilistisch wie auch handwerklich machte das schon eine Menge her. Und wie Sänger Marvin zu den Songs mit litt und fühlte und dem ganzen Vortrag Seele gab, verpasste dem das musikalische Sahnehäubchen. Ich bin sehr gespannt, was uns da auf der Rock- Bühne in der Factory noch so erwartet.

Den Abschluss mit ‘nem großen Bäng! rockte uns die Charles Bronzon Gang vor den Latz. So als hätten sie Feuerwerkskörper im Hintern. Stilistisch stark geprägt von Hardrock und Punk scheren sie sich sicherlich einen Dreck um (musikalische) Konventionen. Die Gang hat mit mir sehr gut gefallen, ich hätte sie gern noch ein zweites Mal im Contest gesehen und gehört. Das was die Jungs da veranstalten geht direkt auf die Zwölf, schnell und dunkel und für den Moment, da gibt es meines Erachtens nichts zu granteln. Rockmusik bis auf die Knochen abgenagt, ohne unnötiges Lametta. Chapeau!

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